Strukturtheoretischer Ansatz

Überblick über die Inhalte:

 

 

 

 

Definition Antinomie:

- pädagogische Antinomie im Bildungs- und Erziehungskontext


- Vorhandensein, Daseinsberechtigung, Gültigkeitsanspruch unterschiedlicher Betrachtungsweisen auf professionelles pädagogisches Handeln


- Folge der Antinomien: pädagogische Paradoxien


- Auslöser: Handlungsverstrickungen in herausfordernden pädagogischen (Extrem-) Situation aufgrund fehlender, einheitlicher Handlungsanweisungen für die Lehrkräfte


 

 

Antinomien erster Ordnung:

 

Praxisantinomie:

Definition:

- Handlungsdruck, Zeitknappheit und Entscheidungszwänge

Beispiele

• S12: Wieviel muss ich heute schaffen, wenn ich nochmal neu angefangen habe?  

L: Alles! Du hast ja Zeit zum Quatschen, also musst du das auch schaffen. Du hast noch 18 Minuten. 


• L: Ich würde dann gerne anfangen. Warum liegen hier Englischsachen? Ihr hattet doch gerade Pause und jetzt haben wir Deutsch.


• L: Sagt mal, ihr brabbelt heute ein wirres Zeug! Guckt doch bitte endlich mal ins Buch, es steht doch alles da. Ich gehe heute hier raus und muss mich vor meiner Kollegin schämen.

 

Begründungsantinomie:

Definition:

- Legitimation des eigenen Handelns durch die Lehrkraft bei gleichzeitiger blitzschneller Reaktion

- keine Reflexionszeit

- hoher Entscheidungsdruck ohne viel Bedenkzeit

Beispiele:

• L: (nach wenigen Sekunden): Stopp! Alle hinsetzen. S6, was meinst du, warum ich jetzt abgebrochen habe? (S6 sagt nichts) Weil mir eure Arbeitsatmosphäre nicht gefallen hat. Das ist unfair. Ihr sehr doch auch, dass ich mich mit S7 unterhalte! Ihr müsst nachher einen zusammenhängenden Text schreiben und der wird bewertet: Ausdruck, Grammatik, Rechtschreibung... und manche unterhalten sich hier über ihre Freizeit. Reißt euch jetzt am Riemen! Ihr seid doch alle keine dummen Kinder. So und jetzt versuchen wir es nochmal.


• S3: Wollen sie das Blatt hier wiederhaben?
L: Ja, das will ich.
S3: Aber ich könnte viel besser lernen, wenn ich mir das in meinen Hefter klebe.
L: Es ist eine Kompetenz, einen Text zu lesen und daraus Stichpunkte zu formulieren, die man dann lernen kann.
S3: Aber warum so schwer, wenn es auch leicht geht?

L: Glaub mir, ich habe Erfahrung und weiß, was dir guttut und, wie du lernen solltest. (Pause) Es ist schwer mit diesen Kindern.


 

Subsumtionssantinomie:

Definition:

Klassifizierung der SuS  Zuweisungen vs. Reflexionen

Beispiele:
• S6: Was hat denn das jetzt für einen Sinn, dass es zwei Bronchien gibt?
L: Wenn du das nicht weiß, kann ich dir auch nicht mehr helfen.

Als S6 zu ihrem Platz gehen will, ruft die Lehrerin ihr hinterher: „Na wenn du einen Gartenschlauch hat und den in der Mitte knickst…“. Eine Schülerin ruft von hinten: „Teilt sich.“. Dann wird es wieder laute und die Lehrerin ruft: „Flüstern!“


• L: S10, warum arbeitest du nicht mehr?
S10: Ich verstehe das nicht. Was meinen die denn damit?
L: Ich kann dir das jetzt noch nicht verraten. Das musst du selbst erkennen. Du hattest doch schon immer bei mir und warst eine Zweier-Kandidatin. Das möchte ich jetzt bitte auch sehen.

 

Ungewissheitsantinomie:

Definition:

- Unterrichtsplanung trotz Ungewissheit des Unterrichtsverlaufs und möglicher Weise Hinfälligkeit der Planung

Beispiele:
• L: Nun ist es notwendig, wenn man das Auge erforschen will, dass man genau weiß, wie es aufgebaut ist. Damit wollen wir uns jetzt beschäftigen.
Sie gibt die Aufgabe, die von ihr ausgeteilte Abbildung des Auges zu beschriften und anschließend ein Arbeitsblatt zu bearbeiten.

L: Wenn ihr etwas nicht findet, ist das nicht schlimm. Lasst es dann einfach frei und wir klären das dann später.


• Die Lehrerin stellt den „Fahrplan für heute“ vor: Lyrik. Zunächst möchte sie von den Schüler*innen wissen, welche Merkmale ein lyrischer Text aufweist.
S1: Form, Einleitung, Hauptteil, Schluss.

L: Es geht um Lyrik. Wenn ihr drei Texte habt, woran erkennt ihr denn den lyrischen? (Niemand meldet sich) Och Leute, ich bin entsetzt. Lyrik sind Gedichte.


 

Symmetrieantinomie:

Definition:

- konstitutive Asymmetrie zwischen Lehrenden und Lernenden

- Anordnungs-, Zuweisungs- und Sanktionsmacht der Lehrkraft

- Notwendigkeit der Herstellung kommunikativer Symmetrien

Beispiele:
• L: (laut) Ich würde das lassen und erstmal konzentriert zuhören, bevor ich kipple. Meine Liegestütze sind nicht so lari fari, sondern so, wie es mir der Trainer vom FC Köln gezeigt hat. Und glaub mir, ich kontrolliere ob du die richtig machst!
S1: Wie viele müssen wir denn machen?

L: Beim ersten Mal 10, dann 20, dann 40 und dann 80. Mehr als viermal hat noch niemand bei mir gekippelt. Also S2, wenn du willst, darfst du nach vorne kommen und Liegestütze machen. Aber ich verspreche dir, nach drei Stück kackst du ab.


• S2, zwei Sachen. Als erstes wirst du zur nächsten Woche einen Vortrag über die Risiken von elektronischen Zigaretten halten, mit allem drum und dran: Risken, eventuelle Vorteile, Folgen für Passivraucher und so weiter. Wenn du mir verrätst, wer der andere Schüler war, mindert sich das Strafmaß. Das soll ich dir von der Schulleiterin ausrichten. Außerdem wirst du noch einige Sozialstunden bei mir oder einem Kollegen ableisten. (Zur Klasse) Nochmal für alle: Ihr wisst, dass ihr das Schulgelände während der Schulzeit nicht verlassen dürft!

 

Vertrauensantinomie:

Definition:

- Bereitschaft zum offenen Umgang mit Verständnisgrenzen und-problemen sowie Lernproblemen

Beispiele
• Der Lehrer widmet sich S7 zu und erklärt ihm die korrekte Schreibweise des Lösungsweges für die anstehende Prüfung.
L: Du bist ein klassischer Fall und musst dich wirklich zwingen, die Lösungswege richtig aufzuschreiben. Das nervt, ich weiß. Aber das eine Mal in der Prüfung schaffst du das.
• L: S9, du weißt, ich liebe deine Sprache! Aber bei der Aufgabe hier war das ein bisschen unpassend. Ansonsten mag ich sehr, wie du schreibst. Du kannst Gefühle so gut zum Ausdruck bringen!
Definition:
→ Voraussetzung für gelingendes Unterrichtsgeschehen: gegenseitiger Vertrauensvorschuss
→ Unterstellung von Vertrauen für die Herstellung einer interaktiven Gegenseitigkeit vs. gesundes Misstrauen
Beispiel:
• S6: Dürfen wir auch auf dem Flur arbeiten?
L: Von mir aus. Aber die Handys lasst ihr hier.
Sie beginnt, die Handys einzusammeln und sagt dann: „Aber ich will, dass ihr wirklich arbeitet, ja S6?“. Einige Schüler*innen verlassen den Raum. Es wird noch einmal ruhiger. Die Lehrerin beantwortet Fragen und schaut zwischendurch zu den anderen Schüler*innen, die sich im Flur aufhalten.

 

 

Antinomien zweiter Ordnung:

 

Differenzierungsantinomie

Definition
- theoretische Homogenisierung der Schule aufgrund der realen Heterogenität der Schüler*innen nicht praktisch umsetzbar
- Problem: Verpflichtung des Lehrerhandelns zu Gleichberechtigung, Universalismus, Objektivität  Provokation von Wissens-, Leistungsunterschieden aufgrund lernerindividueller Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft

- Lösung: differenzierte pädagogische Unterstützungs- und Fördermaßnahmen unter Berücksichtigung der heterogenen Lernbedingungen


Beispiele:

• 5 Minuten nach Stundenbeginn betritt die Lehrerin Frau K. den Klassenraum. 


L: 

Entschuldigt Kinder, ich hatte noch was mit der Schulleiterin zu besprechen. Nehmt bitte mal eure Schreibübungen der Lernwörter der letzten Woche raus.

(Alle SuS öffnen daraufhin zügig ihre Hefte, ohne das wörtlich zu kommentieren.)

(Die Lehrerin geht durch die Reihen und kommentiert kurz mit „gut“ oder „aha“ und bleibt dann länger bei Florian stehen)

Sag mal, was ist das denn?

F: 

Na, das sind meine Lernwörter.

L: 

Ja, aber die sind doch alle falsch. Wie kommst du denn darauf, die so zu schreiben?

(energischer Ton)

F: 

(schaut beschämt in sein Heft)

L: 

Was soll man mit dir noch machen? Das ist doch eh ein hoffnungsloser Fall!

F: 

(schaut errötet immer noch beschämt auf sein Heft)

(Daraufhin setzt die Lehrerin ihren Rundgang fort. Die Mitschüler verlieren zu diesem Vorfall kein Wort. Und der Unterricht läuft ohne Unterbrechung fort. Der Schüler Florian sitzt währenddessen verschüchtert auf seinem Platz und gibt errötet keinen Ton von sich.)

L: 

Nach ihrem Rundgang formuliert die Lehrerin:

So die Lernwörter habe ich ja jetzt gesehen, also wollen wir jetzt mit euren Bildergeschichten aus der letzten Woche weitermachen. Ihr seid ja alle unterschiedlich weit, also arbeitet ihr einfach von eurem Punkt aus weiter. Wie war nochmal die Dreigliederung einer Geschichte? Ja, Justus! 

 J: 

„Einleitung, Hauptteil, Schluss“

L: 

„Im Satz, Justus“! (energischer Ton)

J: 

„Eine Geschichte hat eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss.“

L: 

„Genau und darauf müsst ihr achten! Florian, nimm die für deine Rechtschreibung ein Wörterbuch! (kurze Pause) Gut, dann startet mal.“

(Die SchülerInnen beginnen daraufhin an ihren Geschichten weiterzuarbeiten. Die Lehrerin geht daraufhin einmal durch die Reihen und gibt Formhinweise wie „Schreibe ordentlicher“ und „Achte auf die Satzzeichen“.)

(Einige SuS nehmen während der Arbeit einen Schülerduden hervor, um falsch geschriebene Wörter zu korrigieren. Daraufhin melden sich einige SuS, weil sie einzelne Wörter im Wörterbuch nicht finden.) 

S: 

Frau K., ich finde springen nicht im Wörterbuch!“

L: 

Nee Aaron, das habe ich euch schon so oft gezeigt, das müsst ihr jetzt auch mal alleine schaffen!“ (energischer Ton, fast entrüstet) 

(…) 


• (…) Thomas: 

(ruft ironisch zur Lehrerin) Du warst so nett und gibst mir ‘ne 4!

Lehrkraft:

(Die Lehrerin stemmt die Hände in die Hüfte) Tja, mein Lieber… ich kann bei dir nur das bewerten, was du mir abgegeben hast.

Thomas:

Aber was soll ich mit der beschissenen 4?

Lehrkraft:

Ich dachte eigentlich, jetzt müsste bei dir der Schalter umgelegt sein und du fängst an zu lernen.

Thomas:

Nö, ich spiel‘ zu Hause Playstation! (Thomas verschränkt die Arme wütend.)

Lehrkraft:

Na dann kann ich dir versprechen, dass du in den höheren Klassen keine besseren Noten bekommst. […]


 

Organisationsantinomie:

Definition :
- organisatorische Regeln/ organisatorischer Rahmen für Lehrerhandeln, z.B. Unterrichtsdauer und -beginn
- positive Folge: Routinen zur Entlastung und weniger Eigenverantwortung der Lehrkräfte
- negative Folge: Beeinträchtigung interaktiver, kommunikativer Offenheit bzgl. sozialer und fachlicher Bildungsprozesse

Beispiel:


(…)

Studentin:

[Sie fängt an zu klatschen. Die SuS stimmen ein.] Very good. [?] Thank you. [Die Schülerin hängt das Bild wieder an die Tafel.] Okay. I think the bell is ringing in five seconds. So, very well done … [Es klingelt. Die SuS werden laut.] And … stop, stop, stop! Well done. And thanks a lot for participating in my lesson. It was a lot of fun for me. [Die SuS stehen bereits auf und packen ihre Sachen zusammen.] And goodbye, have a great day.


 

Autonomieantinomie:

Definition :
- Grundlage pädagogischen Handelns = Spannung von Autonomie und Heteronomie
- Ziel: Fördern der Verselbstständigung und Autonomie der Schüler*innen
- Problem: Übersehen der noch vorhandenen Unterstützungs- und Hilfsbedürftigkeit der Schüler*innen bei Unterschätzung der vorhandenen Heteronomie → Schüler*innen in Grenzsituationen des Scheiterns und Versagens
- Ambivalenz: überlegene Lehrkräfte fordern Autonomie von unterlegenen Schülern  Zwang zur Eigenverantwortlichkeit

Beispiel:


(…)

Ich:

S3, mach den Schwamm nicht so sauber! Der geht davon kaputt. Klopfe den lieber leicht aus.

(S3 hört auf, den Schwamm mit der Feile zu säubern, und arbeitet ruhig weiter. S3 will wieder den Schwamm reinigen und nimmt erneut die Feile zur Hilfe.)

S3, lass das jetzt! Der Schwamm geht davon kaputt.“

(S3 legt die Feile zur Seite und arbeitet weiter. Kurz später will er erneut den Schwamm mit der Feile säubern.)

S3! Lass das jetzt!“

L:

S3! Herr P. hat dich nun schon dreimal darauf hingewiesen. Lässt du das jetzt?!

S3:

Ja…, aber ich mach den nur sauber.

L:

Du sollst den aber nicht dabei kaputt machen! [Pause] So! Jetzt aufhören S2 und S3

(S2 fängt an aufzuräumen, aber geht bevor er fertig wird zum Sofa im Raum.)

Nein. Du musst deinen Platz sauber machen!

S2:

S3 macht das! Er hat alles dreckig gemacht. (S2 bleibt auf dem Sofa sitzen.)

(S3 geht an ein offenes Fenster und klopft den staubigen Schleifschwamm an die Außenseite des Fensters. Weißer Staub wird aufgewirbelt und ein weißer Abdruck bleibt auf dem Fenster zu sehen. S3 wird dabei selbst vom weißen Staub dreckig.)

L:

„Hör auf damit! Mann ey! Was ist eigentlich los mit dir?! Davon wird doch alles dreckig. Du spinnst wohl.“ (S3 geht leise vom Fenster weg und schließt es. Er räumt seinen Platz auf. Nach längerer Diskussion räumt auch S2 seinen Platz auf.)


 

Sachantinomie:

Definition
- Lehrkräfte = Experte des Faches und der fachlich-sachlichen „objektiven“ Wissensbestände
- Aufgabe im Unterricht: Vermittler zwischen Fachwissen und Schülerwissen unter Berücksichtigung subjektiver Vorerfahrungen, Voraussetzungen und der Alltagssprache der Schüler*innen
- Voraussetzung für fachliche Bildungsprozesse als Verstehensprozesse: Orientierung an der Sache + Orientierung an der Person
- bei Dominanz der Orientierung an der Sache  fehlschlagende Vermittlung

- bei Dominanz der Orientierung an der Person  Verlust der Sachlogik


Beispiel:

(…)

Student:

Yeah, that, that’s a newspaper article. That’s true. [Er nimmt sein Buch vom Tisch in die Hand.] And where did you look in the newspaper article? We’ve just discussed that. Can you say that again. Where did you get your information. Did you read the whole article? [Marian reagiert nicht.] Did you read everything that’s in there? Or where did you look for your information?

Marian:

Äh, ich hab die Informationen [?]

Student:

Ja. Ich will wissen, äh, wo du nachgeguckt hast, was du mir gesagt hast. Hast du den ganzen Text gelesen? Nicht? Sondern, was haben wir vorher besprochen. Du hast geguckt auf …

 Missachtung Lehrsprache = Zielsprache!!!

Marian:

Die … Hilfe an der Seite.

Student:

Ja. Die Überschriften, die fett gedruckten Wörter, ja. Und das Bild hat’s auch verraten. Okay. So much for your first skimming. Have you got a question?

 

Entgrenzung im Lehrerhandeln

Definition:

- emotionale Aufladung und affektive Dramatisierung von Unterricht durch Lehrkräfte

- Instrumentalisierung der Schüler*innen
- Verlust der professionellen Distanz

- Folge: Gefährdung der Sachbezüge


Beispiel:

(…)

Laura:

Das ist mir doch egal!

Lehrer:

Was denkst du was mir alles egal ist?!

Laura:

Wenn Sie denken, dass mich das stört, haben Sie sich aber geschnitten!

Lehrer:

Oh dann gibt’s halt nen Eintrag.


 

 

SECOND SCREEN

Hier finden Sie Informationen zu Projekten im Rahmen unserer Pädagogik-Seminare.

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yannick-stritzke@outlook.de
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StudIP

Thema Struktur uns Entwicklung von Schule:

Pia Naumann
Romy Scarbatha
Yannick Stritzke

Seminar Einführung in Lehrerberuf und Unterricht:

Michelle
Chris
Nadia
Micha
Yannick